Faszienbehandlung

Seit geraumer Zeit sind Faszien in aller Munde und viele bieten Faszientherapie an bzw. machen irgendeine Form von Faszientraining. Es ist auch keine Kunst, es sollte nur gut ausgeführt bzw. unter fachlicher Anleitung gezeigt und geübt werden.

Als einen “Vater der Faszien” kann man Dr. Robert Schleip bezeichnen. Er entwickelte Geräte, mit denen man Faszien so darstellen konnte, dass man deren Aufbau richtig verstand und neue und erkenntnisreiche Entdeckungen bzgl. der Funktionsweise der Faszien machte. Er fand heraus, dass Faszien anspannen und damit auch verspannen bzw. “verkrampfen” können. So entwickelte er, wie auch viele andere Faszienforscher, ein daraus resultierendes bzw. darauf aufbauendes Behandlungsmodell.

Carla Stecco, eine aus Padua stammende Professorin für Anatomie, hat durch eingehendes Studium vieler Leichenpräparationen ein Fachbuch veröffentlicht, in dem dargestellt wird, dass nachweisbar und nachvollziehbar Faszien durch unseren gesamten Körper ziehen und quasi jede Zelle des menschlichen Körpers umhüllen. Man hat festgestellt, dass ca. 80 % der Nervenenden in den Faszien selbst münden und nicht in der davon umhüllten Muskulatur oder Organ usw. Deshalb führt man u. a. manch unerklärbare Schmerzzustände auf Faszien zurück.

Faszien sind sehr dynamisch und reagieren auf Dehnung, Bewegung und Wärme. Sie haben viele Rezeptoren und Nerven, sind extrem schmerzempfindlich und verändern ihre Struktur, wenn man sich wenig bewegt. Forscher vermuten, dass dies zur Entstehung chronischer Schmerzen beitragen könnte. Bei Patienten mit chronischen Rücken- und Nackenschmerzen fanden sie  beispielweise verdickte Faszien.

Es gibt oberflächliche und tiefer liegende Faszien. Es gibt Faszien um Organe, um Muskeln, um Gefäße (Arterien, Venen). Faszien durchziehen unseren gesamten Körper von Kopf bis Fuß. Sie sind miteinander verbunden und bilden funktionale Ketten, sie trennen aber genauso Strukturen voneinander ab, dass diese sich bewusst nicht miteinander verbinden. Sonst gäbe es im Bauchraum lediglich einen “Organklumpen” und nicht schön separiert die uns bekannten Organe an ihren spezifischen Stellen. Und es gäbe auch keinen definierten “Waschbrettbauch”!

Faszien müssen getrennt von Muskeln, Bändern und Sehnen und allgemein vom Bindegewebe betrachtet werden. Ihr Aufbau ist anders, sie umhüllen diese Strukturen, geben ihnen Halt und sorgen dafür, dass deren Funktion gut ausgeführt werden kann, jedoch müssen Faszien, wenn sie Probleme machen, spezieller behandelt werden.

Sie können durch falsche Körperhaltung, durch Überlastung, durch Entzündungen, durch Brüche, Operationen, falsche Ernährung usw. verkleben, sie werden nicht mehr gut durchblutet, sie werden steif, schlechter dehnbar und im Laufe der Zeit kann es zu Beschwerden kommen.

Faszientraining soll ruhig und langsam ausgeführt werden. In den meisten Videos, die im Internet zu sehen sind, wird noch immer zu schnell gerollt, wenn das Training mit einer Faszienrolle gezeigt wird. Es geht dabei nicht um das Ausrollen eines Teiges wie mit einem Nudelholz, vielmehr geht es faktisch um das Verschieben von (Körper)Flüssigkeiten, allen voran Hyaluronsäure. Natürlich darf Faszientraining auch Spaß machen und kann entspannend sein. Allerdings geht es meiner Erfahrung nach eher in ein nicht so angenehmes, öfter auch mit Schmerzen verbundenes, Ganzkörpertraining!

Ich empfehle deshalb den Rat eines Fachmanns hinzuzuziehen, bevor “einfach so” drauf losgerollt und getriggert wird. Wie beim Nordic Walking auch, wo viele denken, ich kauf mir Stöcke und geh los, kann man beim Faszientraining genauso Fehler machen und “falsch” üben. Dann ist die Effektivität sehr gering und u. U. kann man Beschwerden auch verschlimmern.

Ihr Godehard Stoll, Physiotherapeut und osteopatisch arbeitender Therapeut

Hinweis: Der folgende Text wurde von Godehard Stoll nach aktuellen Erkenntnissen der Medizin und Anatomie verfasst. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit bzw. Fehlerfreiheit.